Präventive Therapie

Latente Infektion mit Mycobacterium tuberculosis (LTBI)

Eine latente Tuberkuloseinfektion ist keine Erkrankung. Es handelt sich bei der latenten Infektion mit Tuberkulosebakterien (gemäß der englischen Abkürzung als LTBI bezeichnet) um eine Infektion, die (noch) nicht zur Tuberkuloseerkrankung geführt hat, sondern bei der eine geringe Anzahl Tuberkulosebakterien im Körper verbleiben, die vom körpereigenen Immunsystem kontrolliert werden können. Die infizierte Person ist dabei gesund und nicht ansteckend für ihre Umgebung. Verliert das Immunsystem die Kontrolle über die Tuberkulosebakterien, kann sich aus einer latenten Infektion eine Tuberkuloseerkrankung entwickeln. Es wird geschätzt, dass es im Laufe ihres Lebens bei 5 – 10% der Infizierten zu einem Fortschreiten (Progression) von der latenten Infektion zur Tuberkuloseerkrankung kommt. Das höchste Risiko zu erkranken besteht dabei in den ersten Jahren nach einer Infektion. Siehe auch FAQ – Texte  und „Was man über Tuberkulose wissen sollte“.

 

Definition

Eine latente Tuberkuloseinfektion liegt per Definition vor, wenn ein Bluttest (Interferon Gamma Release Test, IGRA ) oder Hauttest (Tuberkulinhauttest) positiv ausfällt und eine Tuberkuloseerkrankung ausgeschlossen wurde. Hierzu ist zusätzlich zu der klinischen Untersuchung mindestens eine unauffällige Röntgenuntersuchung der Lungen notwendig.

 

Prävention nur bei Risikogruppen mit LTBI

Eine präventive, d.h. vorbeugende Therapie kann das Fortschreiten von der Infektion zur Erkrankung an Tuberkulose verhindern. Da aber nur 5 – 10% der latent mit Tuberkulose infizierten Menschen nach einer latenten Infektion erkranken, wird eine Prävention nur angeboten, wenn das Risiko eine Erkrankung zu entwickeln erhöht ist oder intensiver Kontakt zu jemandem mit einer ansteckenden Tuberkulose bestand. Der behandelnde Arzt oder das Gesundheitsamt beraten dazu individuell und ausführlich, damit für jeden latent Infizierten eine individuelle Abwägung erfolgen kann, ob der erwartete Nutzen das Risiko von Nebenwirkungen durch die präventive Therapie übersteigt. Risikogruppen, für die eine präventive Therapie empfohlen wird, sind im Leitlinienkapitel 4.1  aufgeführt.

 

Prophylaxe bei besonders hohem Erkrankungsrisiko

Von der Prävention wird die Prophylaxe unterschieden. Bei einer Prophylaxe wird bei Personen mit einem besonders hohen Erkrankungsrisiko (insbesondere Kinder unter 5 Jahren) auch bei initial negativem Ausfall des Blut- oder Hauttests mit einer vorbeugenden Behandlung begonnen. Bleibt der Test negativ, wird die Behandlung nach drei Monaten beendet. Auch vor Beginn einer Prophylaxe muss eine Tuberkuloseerkrankung ausgeschlossen werden.

 

Medikamente der präventiven Therapie

Das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAWs) bei der präventiven Therapie ist relativ gering. Eine Übersicht über die in Deutschland empfohlenen Therapieoptionen findet sich in Tabelle 1 (siehe auch Tabelle 9 der Leitlinie. Die kürzeren Rifampicin-basierten Optionen scheinen aufgrund der kürzeren Therapiedauer zu besserer Therapietreue beizutragen und sind gegenüber der längeren Isoniazid-Monotherapie gleich gut wirksam. Zur Isoniazid-Monotherapie existiert längere Erfahrung. Vor jeder präventiven Therapie sollten individuelle Therapierisiken und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geprüft werden.

 

Dosierung der präventiven Therapie

Die Dosierung wird auch bei der präventiven Therapie an das Körpergewicht angepasst. Die Dosierungsrechner für Kinder  und Erwachsene können auch für die Auswahl der Medikamente der präventiven Therapie genutzt werden. Therapieplan und Verlaufskontrollen müssen bei der präventiven Therapie individuell festgelegt werden. Sollte keine präventive Therapie in Frage kommen oder gewünscht sein, erfolgen Verlaufskontrollen entsprechend des individuellen Risikos über mindestens ein Jahr, oft auch länger.